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Eingeimpft  







Auch wenn der Film kein flammendes Plädoyer für das Impfen ist, so lässt die elterliche Tat doch nur eine Interpretation zu: Der Nutzen von zugelassenen Impfungen überwiegt klar deren Risiken. Weil zudem der Einzelne nicht wissen kann, ob er oder sein Kind Opfer einer seltenen Nebenwirkung wird, ist Impfen die vernünftigere Option als Nichtimpfen. Ist das zu impfkritisch? Nein, so sieht moderne Aufklärung für ein mündiges Publikum aus.

Alan Niederer / NZZ 20.09.2018

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Felix Schaad / Frontseite Tagi 18.09. 2018



Peter Aaby in Guinea Bissau

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MEIN STICH INS WESPENNEST

ein persönlicher Erfahrungsbericht rundum die Veröffentlichung von „Eingeimpft“ von David Sieveking ® September 2019

Vom Freund zum Feind

Bevor ich mein Buch und meinen Film Eingeimpft rausgebracht habe, hatte ich immer mit der weltweiten „Skeptikerbewegung“ sympathisiert, auch wenn ich nur eine verschwommene Vorstellung von der Gesellschaft zur Untersuchung von Parawis- senschaften (GWUP) hatte, der deutschen Organisation, deren Mitglieder sich „Skeptiker“ oder „GWUPis“ nennen. Mein Debütfilm David wants to fly, in dem ich einer Guru-Sekte kritisch auf den Zahn fühlte, kam, wie ich mir sagen ließ, bei „Skeptikern“ gut an. Für den Film hatte ich damals James Randi (ein bekannter US-Zauberkünstler, der unter anderem Uri Geller der Trickserei überführt hat) interviewt, der unter GWUPis als großes Vorbild gilt.

Ich komme selber aus einem atheistisch-wissenschaftlich geprägten Elternhaus und würde mich, ohne ein GWUP-Mitglied zu sein, im allgemeinen Sinne als Skeptiker bezeichnen, der Verschwörungstheorien grundsätzlich mit Vorsicht begegnet und Esoterik kritisch sieht. Während der Dreharbeiten zu Eingeimpft habe ich auch, wie mir später klar wurde, einen GWUPi mit der Kamera begleitet. Er hatte ein Verfahren angestoßen, in dem er vor Gericht einem dezidierten Impfgegner und „HIV-Leugner“ gegenüberstand, der behauptet hatte, ein krankmachendes Masern-Virus existiere gar nicht. Auch während dieser Dreharbeiten war meine Sympathie ganz klar beim GWUPi, letztlich ließ sich aber das Material dramaturgisch nicht in meinem Film unterbringen. Und sowieso entschied ich mich, radikale Impfgegner-Positionen, mit denen ich selber gar nichts am Hut habe, in meinem Film nicht zu berücksichtigen.

Verrückterweise geriet ich dann aber während der Veröffentlichung meiner in gewisser Hinsicht impf-skeptischen Arbeit selber in das Fadenkreuz der „Skeptiker“. Verwundert musste ich erleben, wie sich die GWUPis im Zuge einer breit angelegten Kampagne gegen meinen Film und mein Buch engagierten und mir schließlich sogar aus ihrem Umfeld der Negativ-Preis Der goldene Aluhut 2018 im Bereich Medizin & Wissenschaft verliehen wurde.

MEIN STICH INS WESPENNEST von David Sieveking ® 2019

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Diese „Aluhut-Schandkappe“ war in vorangegangenen Jahren bereits zweimal an ausgesprochene Impfgegner verliehen worden, also Personen, die das Impfen grundsätzlich ablehnen, wodurch natürlich der Eindruck entstanden ist, ich sei selber einer. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Als ausgesprochener Impfbefürworter erzählen mein Film und mein Buch davon, wie ich meine Lebensgefährtin, die wegen ihrer eigenen schlechten Erfahrung mit Impfungen, Angst hat, unsere Kinder impfen zu lassen, im Endeffekt vom Impfen überzeuge. Der Prozess unserer Impfentscheidung wird im Film offengelegt, es kommt schließlich zu einer Einigung zwischen zwei gegenteiligen Positionen: Einer will nach Standard impfen, der andere gar nicht.

Was dabei herauskommt ist ein Kompromiss: Zeitplan und Inhalt des offiziellen deutschen Impfkalenders werden nicht eingehalten, es kommt zu einer individuellen Impfentscheidung, genau wie bei vielen anderen Menschen. Dass ich unsere Impfentscheidung transparent gemacht habe, ist aber offenbar ein Tabubruch, gegen den eingeschritten werden musste. Vielfach wurde mir vorgeworfen, ich würde mit meiner Arbeit „Pseudowissenschaft“ verbreiten, dabei kommen in meinem Film nur anerkannte Fachleute und Wissenschaftler als Experten zu Wort. In den Recherche- passagen werden außerdem nur Fragen behandelt, die in der wissenschaftlichen Community tatsächlich ein Thema sind. Inwieweit ich den Bereich Parawissenschaft überhaupt berührt habe, hat mir bislang niemand erklären können.

Dass es den GWUPis trotz ihres Namens nicht wirklich um wissenschaftliche Untersuchung geht, erklärte mir ein „Skeptiker“ damit, dass es den „Skeptikern“ eigentlich nicht um den wissenschaftlichen Diskurs gehe – den müssten die echten Forscher unter sich ausmachen – die „Skeptiker“ seien so etwas wie die „Müllabfuhr“ der Wissenschaft, die dafür sorgten, den „pseudowissenschaftlichen Mist“ aus der Welt zu schaffen. Der besagte GWUPi berichtete auch, er könne es kaum aushalten, einen Film zu gucken, in dem etwas wissenschaftlich unkorrekt dargestellt werde. Sofort habe er den unbändigen Drang zu korrigieren. Mir wurde klar, dass ein Film wie Eingeimpft, der eine humorvoll erzählte, autobiografische Beziehungsgeschichte mit wissenschaftlichen Recherchen verwebt, durch die üblichen Wahrnehmungsmuster fällt und bei bestimmten Menschen als unseriös empfunden werden kann. So wurde mein Film wohl von einigen nicht als künstlerischer Dokumentarfilm mit besonderer Erzählform gesehen, in dem es um die individuelle Geschichte einer elterlichen Impf- entscheidung geht, sondern als launige Reportage eingeordnet, die nicht den offiziellen Experten-Empfehlungen folgt und somit zu verurteilen ist.

Dass es mir neben der thematischen Recherche vor allem um eine emotionale und nicht um eine wissenschaftliche Wahrheit ging, wurde dabei völlig verkannt. Angestachelt von einigen Wortführen, sahen viele GWUPis rot, und anstatt sich meinen Film selber anzuschauen oder mein Buch zu lesen, begannen sie, mit missionarischem Eifer, meine Arbeit zu bekämpfen.

Die Ruhe vor dem Sturm

Mir war es wichtig, dass in den dezidiert sachlichen Passagen von Eingeimpft, die wissenschaftlichen Inhalte seriös und korrekt dargestellt werden. Deshalb habe ich meinen Film vor seiner Premiere einem halben Dutzend Medizinern gezeigt, sowohl impfkritischen Ärzten als auch beinharten Impfbefürwortern. Es wurden in den Passagen, die einen deutlichen Erklärfilm-Charakter haben, wie etwa den animierten Sequenzen, keine sachlichen Fehler festgestellt. Natürlich gab es Kritik und Anregungen, aber niemand hat sich grundsätzlich gegen den Film ausgesprochen oder ihn etwa als Gefahr für die Volksgesundheit eingestuft. Vielmehr wurde der Film als interessantes Gesprächsangebot und als legitimer persönlicher Erfahrungsbericht aufgenommen.

Alle an der Herstellung und Herausbringung Beteiligten (Filmtechniker, Produzenten, Redakteure etc.) waren Impfbefürworter und haben sich oder ihre Kinder geimpft, niemand in unserem Team hat eine impfkritische Agenda verfolgt. Wir alle waren der Überzeugung, einen konstruktiven Beitrag zur Impfdebatte zu leisten, der die Menschen nicht etwa vom Impfen abschreckt, sondern interessante Fragen stellt und spannende Anregungen liefert, gerade im Umgang mit Impfskepsis. Dabei hofften wir, sowohl Impffreunden und Kritikern gleichermaßen etwas geben zu können.

Noch vor der Festival-Premiere im Herbst 2017, also über ein Jahr vor dem offiziellen Kinostart, haben wir den Film dem Robert-Koch-Institut und dem Gesundheitsministerium vorgelegt. Unser Angebot, gemeinsame Veranstaltungen anzubieten, wurde zwar abgewiesen und erklärt, dass der Film nicht den wissenschaftlichen Konsens darstelle, dabei zu sehr auf Außenseiter-Positionen fokussiere, aber es gab zu diesem Zeitpunkt überhaupt keinen grundsätzlichen Gegenwind.



Eingeimpft hatte dann beim international renommierten Dok-Leipzig-Filmfestival seine Premiere und lief dort insgesamt vor knapp 1000 Zuschauern, darunter viele Mediziner und überhaupt Menschen aus allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen mit den unterschiedlichsten Ansichten zum Impfen. Es gab während der Publikumsgespräche keinerlei Ablehnung, Vorwürfe oder gar Anfeindung, sondern es entspann sich jeweils ein konstruktives Gespräch, keine Spur von Grabenkämpfe. Niemand erweckte dabei den Eindruck, den Film als allgemeingültigen Impfratgeber zu missverstehen, vielmehr wurde er als Anregung und Anstoß empfunden, über die eigene Position und Meinung zu reflektieren. Nach der Premiere in Leipzig folgten noch mehrere weitere Festivals im In- und Ausland, darunter das hoch geachtete Dokumentarfilmfest in Kopenhagen, bei dem wir in der sorgfältig kuratierten Wissenschafts-Sektion liefen.

Ein Moderator beim Filmfest Emden sagte mir, er habe diese „Impfgegner“ immer gehasst, bevor er meinen Film gesehen habe, jetzt habe er mehr Verständnis für Menschen mit impfkritischer Einstellung. Auf der anderen Seite gab es immer wieder Reaktionen von sehr impfkritisch eingestellten Zuschauern, die nach der Filmvorstel- lung erklärten, dass sie ihr Kind eigentlich auf keinen Fall hatten impfen wollen, aber nun nach dem Film über die eine oder andere Impfung nachdächten. Positives Feedback kam auch von Mikrobiologen, Virologen und Infektiologen, die sich vor allem für die im Film behandelten neuen Erkenntnissen über die Langzeitwirkung von Impfungen auf das Immunsystem interessierten.

Unsere einzige konkrete Befürchtung war eigentlich, dass wir Gegenwind von Impfgegnern bekommen würden, weil uns aus dieser Seite schon signalisiert worden war, dass der Film missfalle, da ja im Endeffekt geimpft wird. Keiner von uns ahnte, was uns von der anderen Seite ins Haus stehen würde.

Die Kampagne

Als mein Buch einen Monat vor dem offiziellen Filmstart im September 2018 veröffentlicht wurde, brach auf einmal ein Sturm der Entrüstung los, bei dem einem schwindelig werden konnte. Die Website www.eingeimpft.de unter Schirmherrschaft der GWUP, die meinen Titel Eingeimpft gekapert hatte, ging online (ähnlich wie die GWUPis die Bezeichnung „Skeptiker“ für sich eingenommen haben) und eine Welle böser Verrisse in den Medien folgte, vor allem aus dem Wissenschaftsressort.

Dabei wurde keine kritische Debatte gesucht, sondern es ging darum, systematisch den Film als Ganzes zu diskreditieren und mich und meine Familie persönlich schlecht zu machen. Redaktionell verantwortlich für die Anti-Eingeimpft-Website unter dem GWUP-Banner zeichnete sich Natalie Grams, eine Ärztin, die bis dahin vor allem als Homöopathie-Kritiker von sich Reden gemacht hatte und nun das Feld der „Impfkritiker“ für sich entdeckt hatte. Woher ihre Expertise im Bereich Impfen kam, blieb offen, ihre auf der Website prominent verlinkten Kritiken zu Buch und Film waren jedenfalls polemisch im Ton, unsachlich und oft an der Grenze zur Diffamierung. Dass sie mich mit Pippi Langstrumpf verglich, war für mich noch beinahe schmeichelhaft, mir aber neben Fahrlässigkeit, Dekadenz, sogar latenten Rassismus vorzuwerfen, hatte mit dem Filminhalt nicht mehr viel zu tun, sondern erinnerte eher an eine Schmutz-kampagne. Außerdem wimmelte es in ihren Artikeln von Falschbehauptun- gen. Beispielswiese schrieb Frau Grams in ihrer Filmkritik, ich würde die These von Andrew Wakefield stützen, der zufolge Impfungen Autismus auslösen oder verur- sachen, was im Film aber gar nicht vorkommt und im Buch zwar behandelt wird, aber mit dem Fazit, dass die Impf-Autismus-These unter anderem in einer großen dänischen Studie widerlegt wurde. Zwar hat Frau Grams diesbezüglich ihren Artikel korrigiert, doch viele hatten ihre Kritik schon gelesen und bis heute geistert die Behauptung, ich würde die Wakefield-Autismus-These verbreiten, durchs Netz oder taucht in anderen Artikeln auf, die einfach abgeschrieben haben.

Ähnlich lief es mit dem Wikipedia-Eintrag zu Eingeimpft – wobei ich es sehr bezeichnend fand zu erfahren, dass die Wiki-Redaktion offenbar stark von „Skeptikern“ geprägt wird. In dem Wiki-Artikel hieß es zunächst, meine Lebensgefährtin und ich würden am Ende des Films eine völlig irrationale Impfentscheidung fällen und ein Kind gegen Masern, Mumps und Röteln, das andere aber gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten impfen, gerade so als ob wir es ausgewürfelt hätten. Dass die Kinder über zwei Jahre Altersunterschied haben und es somit nicht verwunderlich ist, dass sie bei einem gemeinsamen Termin verschiedene Impfungen erhalten, ignorierte der Artikel, genauso wie, dass unser älteres Kind im Film schon vorher gegen Masern geimpft worden war. Außer einem einzigen „Skeptiker“, der genau diesen irreführen- den Wikipedia-Artikel während eines Publikumsgesprächs zitierte, hat sich kein einziger Zuschauer bei mir nach der Logik der Impfentscheidung am Ende des Films erkundigt – einfach weil sich diese Frage nach Betrachten des Films mit gesundem Menschenverstand gar nicht stellt.


Der Wikipedia-Eintrag wurde dann zwar nach unserem Hinweis korrigiert, aber die Behauptung war nun mal in der Welt und das Gefühl blieb, ähnlich wie bei der Wakefield-Behauptung von Frau Grams, dass diese Falschaussagen vorsätzlich gemacht worden waren. Sind derartige Fake News einmal in der Welt, wird man sie nicht mehr los, egal ob sie richtiggestellt werden oder wie viele Dementis man dazu veröffentlicht. Mit Wissenschaftlichkeit, an der es mir angeblich mangeln sollte, hatte das alles nichts zu tun, viel eher mit Propaganda unterster Schublade.

Dass es bei einem kontroversen Thema wie Impfen ungemütlich werden könnte, war allen Beteiligten klar gewesen, und wie erwartet bekamen wir Ärger von den „Impfgegnern“. Hans Tolzin etwa, ein herausragender Aktivist und Publizist in dieser Szene, unterstellte mir etwa in seiner Zeitschrift Impf-Report, ich hätte mich wohl im Endeffekt dem Druck der Pharmaindustrie beugen müssen und meine Kinder impfen lassen. Doch gegenüber dem, was uns von Vertretern des Mainstreams, also den beinharten „Impfbefürworter“ blühte, war das noch völlig harmlos.

In den sozialen Netzwerken bekam der maßgeblich von Wortführern der „Skeptiker“ entfachte Shitstorm dann richtig Schwung. Ohne meinen Film gesehen oder mein Buch gelesen zu haben, fühlten sich viele berufen, erzürnt auf die Artikel und Posts von Natalie Grams und Kollegen zu reagieren, unter anderem wurde mir geraten, mich von meiner Lebensgefährtin zu trennen oder am besten gleich uns beiden das Sorgerecht zu entziehen. Einige machten mich verantwortlich für zukünftige Todesfälle von Kindern, die angeblich wegen meines Films nicht geimpft würden und deshalb schwer erkranken könnten. Dieser demagogische Gedanke wurde auch in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung aufgegriffen, der mir Populismus vorwarf, sich aber selber genau darin profilierte.

Es kam dann sogar zu Boykottaufrufen gegenüber Kinos, die meinen Film abspielen wollten. Angeleitet von Frau Grams wurden Mitstreiter organisiert, die Anti- Eingeimpft-Flyer verteilten und sich zum Kinostart an den Eingängen der Lichtspielhäuser postierten. Hier kam es dann zu meinen ersten, direkten Kontakten mit GWUPis, seitdem sie mich als ihren Gegner identifiziert hatten. Mehrmals fragte ich die Personen mit Flugblättern an den Kinoeingängen, ob sie meinen Film eigentlich gesehen hätten, und bekam stets die Antwort: Nein – aber man wisse ja worum es gehe. Das stimmte allerdings nicht ganz, wie ich später während der Publikumsgespräche erfuhr.



Die Skepsis der Skeptiker

Die GWUPis, die sich während meiner Kino-Premieren-Tour in den Publikums- gesprächen nach der Filmvorführung zu Wort meldeten, stellten meist die gleichen, vorgestanzten Fragen. Sie fanden etwa im Gegensatz zu den übrigen Zuschauern, dass der Film unnötig verunsichere, und Menschen vom Impfen abbringen könne. Mehrere „Skeptiker“ monierten, dass meine Freundin im Film ihre Angst zum Ausdruck bringe, „Metalle“ oder „Aluminium“ in ihr Kind zu spritzen. Doch wurden diese Einwände jedes Mal von Nicht-GWUPI-Zuschauern relativiert, die das private Streitgespräch eines Künstler-Paares, das sich deutlich als medizinische Laien zeigt, einordnen konnten und nicht etwa auf einmal glaubten, dass Kindern „Alufolie“ gespritzt werde. Zudem gibt es im Film hierzu auch eine erklärende Animation, die die Rolle von Aluminiumsalzen in Impfstoffen erklärt und Missverständnisse ausräumt.

Immer wieder wunderten sich GWUPis, dass die Zuschauer offenbar gar nicht so blöd sind, wie gedacht. Keiner sah den Film als Blaupause für das eigene Handeln oder gar als Aufforderung, die Hände vom Impfen zu lassen. Hier und da zeigte sich dann Skepsis unter den „Skeptikern“. In Hamburg etwa stand einer der GWUPis auf und erklärte, er wisse gar nicht, warum er hier sei. Das sei ja ein Film darüber, wie ein Vater seine Lebensgefährtin vom Impfen ihrer Kinder überzeugt – wo sei das Problem?

Ein „Skeptiker“ in Berlin erzählte mir, wie während einer GWUP-Versammlung vor dem Kinostart erklärt worden war, dass dieser „Sieveking“ der „neue Wakefield“ wäre, den es zu verhindern gelte. Bei Wakefields Film, der im Jahr zuvor ins Kino gekommen war, wäre man nicht wachsam genug gewesen, habe nicht genügend dagegen unternommen – diesmal dürfe man nicht den gleichen Fehler machen. Derart eingeschworen, wurde das neue Feindbild nicht hinterfragt, bis der eine oder andere nach dem Erleben einer Filmvorstellung mitsamt Publikumsreaktionen seine Meinung änderte. So befand ein GWUPi in Dresden, der sich vorher aktiv in den Medien engagiert und meinen Film als gefährlich eingestuft hatte, die „Skeptiker“ hätten wohl einen Fehler gemacht, mich als Impfgegner einzuschätzen und in die Wakefield- Schublade zu stecken. Er hofft seitdem, dass die Kontroverse um meinen Film einen konstruktiveren Ton findet und nicht im Lagerdenken steckenbleibt.

Abgestempelt

Nicht nur „Skeptiker“ wunderten sich über die eigenen Leute. Auch von einigen Wissenschaftsjournalisten bekam ich die Rückmeldung, dass sie sich über die heftige, geradezu allergische Reaktion ihrer Kollegen wunderten und sie als überzogen empfanden. Doch der Ton war da schon gesetzt und das Kind in den Brunnen gefallen. Eine Zeit lang hofften wir noch, die ganze mediale Aufmerksamkeit würde sich auszahlen, nach dem Motto „bad press is better than no press“. Aber gerade bei einem sensiblen Gesundheitsthema kann „bad press“ auch zu mehr Abschreckung als Interesse führen. Ein Pärchen, das gerade Eltern geworden war und sich eigentlich sehr für das Thema Impfen interessierte, erwiderte auf eine Empfehlung, meinen Film anzuschauen, sie hätten über den Streifen gelesen und so einen „unwissen- schaftlichen Impfgegner-Film“ wolle man sich gar nicht erst anschauen.

Oft hatte ich das Gefühl, dass vorsätzlich versucht wurde, mir an den Karren zu fahren. Mehrmals wurden meine Zitate von Journalisten perfide aus dem Zusammenhang gerissen oder verdreht. Ein Zeit-Online-Artikel beschrieb meinen Film äußerst selektiv und verzerrt als „Plattform für Impfgegner“. Der Journalist warf mir darin vor, ich hätte Interessenskonflikte von impfkritischen Personen unterschlagen, die in meinem Film nur kurz am Rande auftauchen und völlig vernünftige Aussagen machen. Für Interessenkonflikte von Impfbefürwortern im Film interessierte sich der Schreiber übrigens nicht.

Ein paar Male wurde mir von „Skeptikern“ in Publikumsgesprächen unterstellt, ich würde anthroposophische Ansichten vertreten. Dabei hatte ich lediglich die Sichtweise anthroposophisch ausgerichteter Ärzte dargelegt und gemutmaßt, wie bestimmte Lebendimpfungen gut zu dieser Einstellung passen könnten – nämlich dass manche Kinderkrankheiten sich positiv auf die Entwicklung des Immunsystems auswirken, genau wie es bei Lebendimpfungen der Fall zu sein scheint, die aber mit viel weniger Risiken einhergehen. Auch wenn ich kein Rudolf-Steiner-Anhänger bin, respektiere ich die Anthroposophen und ihr Interesse an ganzheitlicher Medizin. Offenbar läuten bei vielen „Skeptikern“ schon beim leisesten Alternativmedizin- Verdacht, die Alarmglocken so laut, dass sämtliche interessanten Zwischentöne übersehen werden.


Dass beim Thema Impfen die Nerven blank liegen, wurde auch deutlich, als in Fernseh-Talkshows oder Radiosendungen, zu denen ich eingeladen worden war, mehrmals kurzfristig Gäste ausgeladen wurden, die als zu impfkritisch eingestuft wurden. Ich wiederum, wurde plötzlich aus einer TV-Runde ausgeladen, zu der Natalie Grams eingeladen worden war, wie ich später erfuhr. Eine direkte Begegnung, die wir ihr während der Kinotour angeboten hatten, hat Frau Grams übrigens abgesagt.

Noch vor der großen Abfuhr in den Medien war mein Film für den Hessischen Filmpreis sowie den AOK-Gesundheitspreis des Filmfest Emden nominiert worden. Es erübrigt sich zu sagen, dass mir nach dem Shitstorm kein Preis verliehen wurde. Ein Sprecher der AOK entschuldigte sich gar im Nachhinein für die Nominierung.

Auch in meiner eigenen Familie gab es Stimmen, die sagten: wenn SPIEGEL,Zeit und Süddeutsche allesamt den Film verurteilen, könne da etwas nicht stimmen, dann muss der David etwas falsch gemacht haben. Immer wieder bekomme ich von Kollegen, Bekannten oder Verwandetn, die meinen Film gar nicht gesehen haben, zu hören: „Sag mal, du hast doch diesen Impfgegner-Film gemacht, oder?“

Der Impfgegner-Stempel ist auch kein Wunder, hatte Frau Grams schließlich in einem ihrer Texte behauptet, ich sei sogar noch schlimmer als ein Impfgegner. Dabei kommt nicht ein einziger Impfgegner in meinem Film zu Wort. Und für Pseudowissenschaft oder Halbwahrheiten, von denen es angeblich in meinem Film wimmelt, sind von den Journalisten keine stichhaltigen Belege gebracht worden. Aber wenn man etwas nur laut und oft genug behauptet, bleibt es in den Köpfen. So erklärte Frau Grams während eines Publikumsgesprächs mein Film sei „hysterisch“, woraufhin andere Zuschauer widersprachen, sie aber bestand einfach darauf, dass der Film eben „hysterisch“ auf sie wirke. Bei meinen Versuchen, mit Richtigstellungen auf die polemischen Kritiken in den deutschen Leitmedien zu reagieren, wurde ich von den Redaktionen jeweils auf die Meinungsfreiheit der Journalisten verwiesen, die bei einer Filmkritik sehr breit ausgelegt werden kann. Mein Versuch auf die rotzige Filmkritik einer Wissenschaftsjournalistin im SPIEGEL zu reagieren, wies ein SPIEGEL-Anwalt mit dem Hinweis ab, es handele sich um ein „Meinungsstück“.

Spätestens als mir der Goldene Aluhut-Negativ-Preis für „Quacksalberei“ verliehen wurde, fühlte ich mich an Schauprozesse erinnert und hatte das Gefühl, man will mich einfach fertig machen.

In die Ecke gedrängt

Auch wenn viele Reaktionen der „Skeptiker“ unseriös waren, ihrem Einfluss tat das keinen Abbruch. Aber auch wenn der Verein bestens vernetzt ist, muss es diskrete Schützenhilfe im Hintergrund gegeben haben – anders kann ich mir den großen Aufwand, der betrieben wurde, nicht erklären. Mir fällt jedenfalls kein Dokumentarfilm ein, der eine eigene Website nebst einer Gruppe von Aktivisten und Journalisten derart nachhaltig motiviert hätte, sich gegen ihn zu engagieren.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass angesehene Zeitungen und Zeitschriften auf eigene Recherche weitgehend verzichtet und den vorgeblichen Grals- hütern rationaler Wissenschaftlichkeit nur mehr ein Forum geboten haben, ohne dem eigenen Anspruch an Ausgewogenheit zu entsprechen. Ganz unabhängig vom Thema des Films ist das erschreckend. Die liberale Öffentlichkeit zeigt hämisch auf Trump, Orban und Johnson. Dabei sind die gleichen Mechanismen hier längst am wirken.

Es kam dann so weit, dass jeder Medienschaffende, der es wagte, einen auch nur ansatzweise positiven Beitrag über meine Arbeit zu machen (was vor allem im Kulturteil der Fall war), vor seinen Chef zitiert wurde, um sich zu verantworten. Es gipfelte in einer Warnung der ARD vor einem Film, den ihre eigenen Sendeanstalten mitfinanziert hatten. Das einzige Leitmedium im deutschsprachigen Raum, das sich traute, meinen Film positiv zu bewerten, war die Schweizer Neue Zürcher Zeitung.

Neben den Journalisten entdeckten auch Politiker das Feld für sich: Wie kann so etwas finanziert und gefördert werden? Alle beteiligten Produzenten, Redakteure und Förderanstalten wurden angegangen und mussten sich erklären, warum in so ein „gesundheitsschädliches“ Projekt Steuergelder investiert werden konnten.

Nun kann man eben Pech haben und es sich mit den GWUPis und einer Gruppe untereinander vernetzter Wissenschaftsjournalisten verscherzen. Aber was mich dann wirklich erschüttert, ist, dass die „Skeptiker“ mit ihren fragwürdigen Methoden auch noch offizielle Rückendeckung von Bundesbehörden wie dem Robert-Koch- oder Paul-Ehrlich-Institut bekommen haben, die auf der „Anti-Eingeimpft-Website“ prominent verlinkt wurden. Unterstützung gab es auch von STIKO-Mitgliedern und es kam zu strategischen Treffen mit „Skeptikern“ im Robert-Koch-Institut, um zu besprechen, wie man am besten gegen meine Veröffentlichungen vorgehen sollte.



Ob gesteuerte Strategie oder nicht, die allgemeine Devise der Kampagne war, mich möglichst in die „Impfgegner“-Ecke zu stellen. Das sind in den Augen der Mehrheit sowieso unseriöse Leute mit kruden Ansichten, die nur ein paar wenige Prozent der Bevölkerung ausmachen. Und sollten die sich dann für meinen Film interessieren, werden sie auch noch über den Inhalt enttäuscht sein, der ihnen nicht impfkritisch genug ist. Auch langfristig geht diese Taktik auf: man drängt jemanden, der unliebsamen Inhalte vertritt, in eine Ecke mit den Radikalen, bis eben niemand anderes mehr zuhört, als die Leute in dieser Ecke.

Bei einer Eingeimpft-Lesung in einer Volkshochschule erfuhr ich, dass die Veranstalter im Vorfeld einen Internet-Shitstorm auszuhalten hatten, warnende Zettel aufgehängt worden waren und es Beschwerde beim Dachverband gegeben hatte, wie man dazu käme, einen „Impfgegner“ wie mich ins Programm zu nehmen. Das war es dann mit Einladungen in Volkshochschulen für mich.

Nach der ganzen Negativkampagne und der Medienschelte kam es dann tatsächlich zu Anfragen von der „Impfgegner“-Seite, die mich zunächst eher abgelehnt hatten. Wenn man dann auf den „Beifall von der falschen Seite“ reagiert und sich mit den Extremisten einlässt, weil man sonst gar keine Gelegenheit kriegt, seine Position zu vertreten, haben der Mainstream und seine Strippenzieher den Beweis: „Wir haben es gewusst: er ist aus dieser Ecke!“

Der unsichtbare Dritte

Während sich Behörden, Ärzte und Journalisten über meinen kleinen Dokumentarfilm echauffierten, von dem sie befürchteten, er könne zu mehr Impfmüdigkeit in der Bevölkerung führen, saßen die Impfstoff-Hersteller hinter den Kulissen und konnten sich ins Fäustchen lachen: die Industrie war fein raus und brauchte sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen. Eigentlich sollten die Hersteller Fragen zu ihren Impfstoffen selber beantworten, zu Kritik Stellung beziehen und sich mit Verbesserungsvorschlägen auseinandersetzen. Aber stattdessen stellten sich Beamte sowie Journalisten schützend vor sie, und vertraten ob gewollt oder ungewollt ihre Interessen – die Pharmaindustrie brauchte selbst nicht in Erscheinung zu treten.


Schon während der Arbeit am Film fand ich es erschreckend, wie schwierig bis unmöglich es war, trotz jahrelanger Recherche, mit den Impfstoffherstellern vor der Kamera ins Gespräch zu kommen, geschweige denn ernstzunehmende Einblicke zu erhalten. Im ganzen Impfwesen kommt es durch das staatliche Interesse an hohen Impfquoten und durch die offiziellen Empfehlungen, die von den Krankenkassen erstattet werden müssen, zu einer besonders engen Verflechtung von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Hier sollten Journalisten und „Skeptiker“ besonders wachsam sein.

Aber während man in der Presse dauernd wütende Artikel über impfmüde Eltern und Impfkritiker lesen kann, muss man pharmakritische Berichte oder gar investigative Reportagen in diesem Bereich mit der Lupe suchen. Wer nur darauf hinweist, welche Rolle die Industrie beim Impfen spielt, steht sofort unter Verdacht „Verschwörungs- theoretiker“ zu sein. Natürlich ist es paranoid, alle Beamten und Journalisten, die sich für das Impfen einsetzen, für korrupt zu halten, aber den Einfluss der Pharmalobby zu unterschätzen, ist hingegen gefährlich naiv. Jeder weiß mittlerweile, wie die Autoindustrie hierzulande die Politik am Wickel hat. Da muss man nur eins und eins zusammenzählen, um auf die Lobbyarbeit der milliardenschweren Pharmaindustrie zu schließen, die zudem noch viel höhere Gewinnmargen einfährt als die Autoindustrie. Wir sind in Deutschland jedenfalls keine großen Leuchten, wenn es um die Kontrolle und Überwachung der Wirtschaft geht, die großen Skandale werden meist im Ausland aufgedeckt.

Ich finde es sehr bezeichnend, dass „Verschwörungstheoretiker“ bei uns ein reines Schimpfwort für verstiegene Hypothesen geworden ist. Angesichts all der wirklichen Intrigen, die laufend um uns herum stattfinden, und der Tatsache, dass jeder, der sich kritisch mit der Lobbyarbeit der Pharmaindustrie auseinandersetzt, schnell als „Verschwörungstheoretiker“ stigmatisiert wird, sollte man den Begriff eher als Ehrenbezeichnung sehen und als Ansporn, echte Komplotte aufzudecken.

Mir und allen Beteiligten, von Filmproduktion über Filmverleih, Fernsehsender und Förderungen bis hin zum Buchverlag, kam es auf jeden Fall insgesamt seltsam vor, wie einhellig die Reaktionen ausfielen. In unserem Fall ging der Shitstorm nicht von den sozialen Medien aus, sondern wurde von „Skeptikern“ gezielt angestoßen und von der Qualitätspresse begleitet. Man wurde dabei das Gefühl nicht los, dass alles irgendwie gleichgeschaltet und gesteuert wurde.

Verpasste Chance – neue Chance

Schlechte Presse, oft mit verleumderischen Zügen, sowie ein Internet-Shitstorm, sind natürlich extrem schädlich für die Veröffentlichung eines kleinen Dokumentarfilms, der praktisch ohne Werbe-Budget auskommen muss, und wenig Ressourcen für Social- Media-Aktivitäten hat.

Neben den vergraulten Zuschauern bin ich auch darüber sehr enttäuscht, dass die Aufregung um meine Arbeit, die Impfdebatte nicht weitergebracht hat. Mein Eindruck ist, dass dem Diskurs mehr Differenzierung und Tiefgang gut tun würde, aber das ist offenbar von entscheidender Seite gar nicht gewünscht. Der Otto- normalverbraucher soll sich gefälligst beim Impfen keine Gedanken machen und bitteschön einfach den Empfehlungen der Experten-Kommission folgen. Hier sollen am besten gar nichts in Frage gestellt werden. Für mich ist das Anti-Aufklärung.

Nur so kann ich mir erklären, warum im Großteil der Resonanz konsequent der wissenschaftlich interessante Teil meiner Recherchen ignoriert wurde, in dem es um innovative Forschung zu den gesundheitlichen Langzeitfolgen von Impfungen ging. Oft wurde meinem Film in den Medien unterstellt, er habe „eine Chance verpasst“. Aber ich finde, es war genau die Art von allergischer, ablehnender Reaktion, die letztlich die Chance verbaut hat, in der Impfdebatte einen Schritt weiter zu kommen und die festgefahrenen Lager ins Gespräch zu bringen.

Wenn ich für meinen Film eine Botschaft formulieren müsste, wäre es in etwa diese: in einer Beziehung auf Augenhöhe sollte man, um einen Konflikt zu lösen, in Liebe und Respekt miteinander umgehen, und idealerweise ohne Zwang oder autoritäres Gehabe zu einer Lösung kommen – dabei sollten Neugier und Kreativität keine Grenzen gesetzt werden.

Die STIKO beruft sich bei der Ausarbeitung ihrer Impfempfehlungen auf die „Evidenzbasierte Medizin“ (EbM), die auch unter „Skeptikern“ in Gesundheitsfragen als das Maß der Dinge gilt. In den Statuten der Cochrane Collaboration, der weltweit wichtigsten Organisation zur Wirksamkeitsbewertung in der Medizin, die wissen- schaftliche Übersichtsarbeiten erstellt, steht als Kernpunkt der EbM die „individuelle Therapieentscheidung“ von Arzt gemeinsam mit dem Patienten. In diesem Sinne ist der gesammelte Sturmlauf gegen die „individuelle Impfentscheidung“ auch ein Sturmlauf gegen die Evidenzbasierte Medizin und die Cochrane Collaboration.


Bei allem Unmut hat es mich gefreut, zu erleben, dass es auch unter „Skeptikern“ Skepsis gegenüber der eigenen Arbeit geben kann, und nicht alle in ihren vorgefassten Meinungsbildern verharren bleiben. Genauso wie ich gerne zugebe, mich in der Wirkung meines Films auf bestimmte Personengruppen verschätzt zu haben und rückblickend gerne umsichtiger kommuniziert hätte. Einige Gesprächskanäle hätten besser genutzt werden können. Von Seiten der Ständigen Impfkommission (STIKO) wurde der Film beispielsweise nicht einhellig kritisiert oder abgelehnt. Der frühere STIKO-Vorsitzende Jan Leidel sprach sich bei der Kölner Kinopremiere vor Publikum positiv für den Film aus, auch wenn er sich mit der Auswahl der Experten im Film und mit der letztendlich gefällten Impf-Entscheidung nicht einverstanden erklärte. Leidel fand den Film trotzdem gut, sicherlich sei er kein „Impfgegner-Film“, nicht mal besonders impfkritisch, vielmehr die authentische Darstellung einer Impfentscheidung und dabei eine interessante Milieustudie. Natürlich hätte sich Leidel gewünscht, wir wären der STIKO-Empfehlung gefolgt. Ganz ähnlich äußerte sich Frau Widders, Amtsärztin und STIKO-Mitglied, bei der Berliner Premiere während des Publikums- gesprächs: Der Film sei gut und wichtig, zeige die Realität in einer Familie so, wie sie es dauernd in ihren Beratungen erlebe. Der Film sei eine willkommene Vorlage, um über das Thema zu sprechen und die Bevölkerung besser aufzuklären.

Ähnlich enttäuschend, wie die selektive und verzerrte Berichterstattung über meinen Film, habe ich die aktuelle Diskussion um die Impfpflicht empfunden, die objektive Informationen und Sachlichkeit vermissen lässt und nun mit der Gesetzesvorlage zu einem vorerst unrühmlichen Ende gekommen ist. Ich halte einen Impfzwang in Deutschland für unnötig und glaube, er könnte sich gar kontraproduktiv auf die Impfquoten auswirken. Dabei gäbe es deutlich wirkungsvollere Maßnahmen, um die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern und zu erhalten. Immerhin hat sich der Deutsche Ethikrat und viele prominente Gesundheitsexperten wie etwa Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch Instituts, gegen eine allgemeine Impfpflicht in Deutschland ausgesprochen. Auch viele „Skeptiker“ teilen diese Meinung. Das finde ich sehr sympathisch und es zeigt, dass man bei jedem Streit und Ärger auch immer wieder Ansatzpunkte finden kann, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

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Deutscher Kinostart; 13 September 2018. Kinostart CH-D: 20.09.2018

David Sieveking wird in seinen Filmen gern persönlich. Egal, ob es um die Alzheimerkrankheit seiner Mutter oder die eigene Suche nach Transzendenz geht. In seinem neuen Film fokussiert er ein Thema, das die Gemüter in Deutschland erhitzt: das Impfen. Wer schon mal in einer Arztpraxis oder bei einem Elternabend erlebt hat, welche Gräben sich bei diesem Schlagwort plötzlich auftun können, weiß, wovon die Rede ist. Allen anderen sei „Eingeimpft“ empfohlen, denn tatsächlich gelingt es dem Regisseur, die eigene Verunsicherung zum Ausgangspunkt eines spannenden Films zu machen.

Der Grundkonflikt klingt fast ein bisschen zu simpel: Der Vater will impfen, denn das empfiehlt ja der Arzt. Die Mutter will nicht, weil ihr Bauchgefühl dagegenspricht. Diese Pattsituation nimmt Sieveking zum Anlass, den Dissens auch in seinen überpersönlichen Dimensionen genauer zu untersuchen. Weit davon entfernt, eine objektive Wahrheit anzustreben, bleibt er immer der filmende Vater, der bei der WHO, der Pharmaindustrie und impfkritischen Ärzten auf unnachahmlich naive Weise nachfragt und schließlich zu einem Fazit kommt, das die ideologisch schwer umkämpfte Debatte ziemlich gut zusammenfasst. Ohne Angst vor Klischees wendet Sieveking sein großes und durchaus politisches Thema so lange hin und her, bis es ihm gelingt, seine ganz eigene, private Entscheidung zu fälle

n.

Luc-Carolin Ziemann